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Symposium: Psychiatrie zwischen KI und Menschlichkeit

Die Zukunft der Psychiatrie entscheidet sich nicht daran, ob Technologien zum Einsatz kommen, sondern wie. Digitale Innovationen können die Versorgung verbessern und Fachkräfte entlasten, aber nur, wenn sie die therapeutische Beziehung stärken, statt sie zu ersetzen.
Prof. Dr. Marc Ziegenbein (l.) und Dr. Julia Krieger (r.) gaben der Podiumsdiskussion den rahmenden Impuls. Die Teilnehmenden auf dem Podium ordneten die moderne psychiatrische Versorgung zwischen Vision und Versorgungsdruck ein: (v.l.n.r.): Dr. Maren Kentgens, Cornelia Bentrup, PD Dr. Frank Ursin und Doris Petersen. (Foto: Wahrendorff/Helge Krückeberg)

Wahrendorff-Symposium diskutiert die Zukunft psychiatrischer Versorgung
– Psychiatrie zwischen KI und Menschlichkeit –

Unter dem Titel „Die Module spielen verrückt – ist die analoge Psychiatrie noch zeitgemäß?“ lud das Wahrendorff Klinikum Mitte Juni zu einem ganztägigen Symposium ein. Rund 180 Fachleute aus Versorgung, Wissenschaft, Ethik und Management kamen zusammen. Sie diskutierten, wie Digitalisierung und Künstliche Intelligenz (KI) die psychiatrische Praxis bereichern können, ohne das zu verlieren, was gute Psychiatrie ausmacht: Beziehung, Vertrauen und menschliche Nähe.

Prof. Dr. Marc Ziegenbein, Ärztlicher Direktor des Wahrendorff Klinikums, wagte einen ersten Realitätscheck zur Psychiatrie im Jahr 2026. Was hat sich in den letzten zehn Jahren wirklich verändert, was bleibt Mythos? Klar zeigte sich: Digitale Anwendungen, KI und neue Therapieformen prägen den Versorgungsalltag immer stärker. Doch das Fundament psychiatrischer Behandlung bleibt die therapeutische Beziehung.

Zwischen Vision und Versorgungsdruck

In der anschließenden Podiumsdiskussion erörterten die Teilnehmenden die Möglichkeiten und Grenzen digitaler Entwicklungen. Sie griffen Fragen aus dem Publikum und einem begleitenden Instagram-Livestream auf: Wie lässt sich Menschlichkeit bewahren, wenn Zeit, Personal und Ressourcen knapp sind? Wo bringt die Digitalisierung schon heute spürbare Vorteile für Patientinnen und Patienten? Und welche Hindernisse blo-ckieren eine zukunftsfähige psychiatrische Versorgung?

Die Vorsitzende der Geschäftsführung des Wahrendorff Klinikums, Dr. Maren Kentgens, betonte die Chancen digitaler Unterstützung. Das gelte besonders vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels und steigender Dokumentationsanforderungen. „Die digitale Transformation schafft Raum für Menschlichkeit und Be-ziehungsarbeit, den Kernerfolgsfaktoren in der Psychiatrie“, erklärte sie. Wenn KI Dokumentation abnimmt und Routineaufgaben übernimmt, gewinnen Ärztinnen und Ärzte, Therapeutinnen und Therapeuten und Pflegende genau das zurück, was in der Psychiatrie zählt: Zeit für den Menschen.

Cornelia Bentrup, KI-Beauftragte der DIAKOVERE, verwies darauf, dass die Leistungsfähigkeit Künstlicher Intelligenz rasant wachse. Ihr tatsächlicher Nutzen hänge jedoch von Vertrauen, klaren Rahmenbedingungen und den Kompetenzen der Anwenderinnen und Anwender ab. Digitale Innovationen müssten daher von entsprechender Schulung und Handlungskompetenz begleitet werden.

Auch die wirtschaftliche Perspektive spielte eine Rolle. Doris Petersen, Geschäftsführerin von hannoverimpuls, bezeichnete die Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft als zentrale Zukunftschance für die Region Hannover. Innovative Technologien könnten dazu beitragen, Versorgung patientennäher zu gestalten und bestehende Versorgungslücken zu schließen.

Psychiatrie 2036: Umsetzbare Schritte statt Utopien

PD Dr. Frank Ursin vom Institut für Ethik, Geschichte und Philosophie der Medizinischen Hochschule Hanno-ver hob einen zentralen ethischen Aspekt hervor: „KI kann die therapeutische Beziehung in der Psychiatrie und Psychotherapie ergänzen, aber nicht ersetzen.“ Ob diese Ergänzung ethisch geboten ist, bezeichnete er als fraglich. „Vertrauenswürdigkeit, Empathie und Fürsorge können von Maschinen lediglich simuliert wer-den.“ Zwar könne KI Informationen ordnen, das Erinnern erleichtern oder die Kommunikation verbessern, doch Vertrauen, Empathie und Fürsorge blieben menschliche Fähigkeiten.

Intensiv diskutiert wurde, dass Patientinnen und Patienten KI-Systeme schon heute zur Informationssuche und teils für psychotherapeutische Fragen nutzen. Besonders kritisch ist das oft blinde Vertrauen in Chatbots oder KI-gestützte Gesprächssysteme zu bewerten. Vor allem Menschen mit psychotischen Erkrankungen und andere gefährdete Gruppen könnten dadurch in besondere Gefahr geraten. Deshalb wächst der Bedarf an Leitlinien, Qualitätsstandards und professioneller Orientierung. Doch die Diskussion drehte sich nicht nur um Risiken. Immer wieder betonten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer konkrete Chancen: KI kann Barrieren abbauen, etwa durch Übersetzungs- und Assistenzfunktionen. Nachsorge-Apps, digitale Gesundheitsanwendungen und virtuelle Therapien können Behandlungen sinnvoll ergänzen. Die bisherigen Erfahrungen zeigen jedoch klar: Digitale Angebote wirken am besten, wenn sie in persönliche therapeutische Beziehungen eingebettet sind.

Innovationen erproben, ohne den Menschen aus dem Blick zu verlieren

Wie Innovation heute konkret aussieht, zeigten der „Markt der Innovation“ und neun Workshops. Die Themen spannten den Bogen von VR-gestützter Angsttherapie und Recovery-orientierter Versorgung über Sozialroboter im psychiatrischen Alltag und Ernährung als therapeutisches Mittel bis hin zu Psychedelika-Forschung, digitalen Trainings für Seele, Körper und Geist sowie der Gestaltung von heilender Architektur. Unter dem Motto „Psychiatrie 2036: Umsetzbare Schritte statt Utopien“ rückten praxisnahe Ansätze in den Fokus. Das breite Spektrum spiegelte den Anspruch des Symposiums wider: Innovationen zu erproben, ohne den Menschen aus dem Blick zu verlieren.

Schon beim Ankommen vervollständigten die Teilnehmenden auf einer Stellwand den Satz: „Moderne Therapie ist für mich …“ Ihre Antworten reichten von „bedürfnisorientiert“ und „Integration von Menschen mit Besonderheiten in Stadtteilen“ über „entstigmatisierend“ bis zu „mehr Individualität“ und „der Verbindung von Begegnung und digitalen Möglichkeiten“. Sie machten deutlich: Weder Technikbegeisterung noch Nostalgie dominieren das Feld, sondern der Wunsch, beide Welten zu verbinden. Die Zukunft der Psychiatrie entscheidet sich nicht daran, ob Technologien zum Einsatz kommen, sondern wie. Digitale Innovationen können die Versorgung verbessern und Fachkräfte entlasten, aber nur, wenn sie die therapeutische Beziehung stärken, statt sie zu ersetzen.

 

wahrendorff sozial roboter
Wahrendorff-Geschäftsführer Holger Stürmann, brachte die beiden Sozialroboter Neo und Yuki mit den Gästen ins Gespräch. (Foto: Wahrendorff/Helge Krückeberg)
wahrendorff vr gestuetzte therap
Einer der Workshops zeigte die Möglichkeiten der VR-gestützten Therapie bei Angsterkrankungen auf. (Foto: Wahrendorff/Helge Krückeberg)

Pressemitteilung und Downloads

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Pressefoto Podium
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